Zeit ist eine Welt
Eröffnungsrede anlässlich der Ausstellung "Zeit ist eine Welt" im zumikon | kultur und kommunikation, Nürnberg

Unter der Maxime „Zeit ist eine Welt“ hat Stefanie Pöllot Studio und Lounge des Zumikon in eine  - im wahrsten Sinn des Wortes -multidimensionale Ausstellung verwandelt. Das Arbeiten mit unterschiedlichen Räumen und Ebenen steht auch symbolisch für die charakteristische Arbeitsweise der Künstlerin. Denn Stefanie Pöllot hat  sich nichts Geringeres vorgenommen, als die Komplexität von Welt, Zeit und Raum in stringente, poetische Werke zu verdichten und gleichzeitig Aspekte von Wissenschaft, Philosophie, Kunstgeschichte bis hin zu einer spirituellen Ebene zu integrieren,  alles mit der Intention den wesentlichen Fragen menschlicher Existenz nachzuspüren.
Pöllot hat als Meisterschülerin bei Prof. Hans Peter Reuter in Nürnberg studiert, das mag ihr Interesse für den Raum und für das Malerische mitgeprägt haben. Sie stellt international aus, ganz bewusst möglichst oft an Orten, die am Meer gelegen sind oder von Flüssen durchströmt werden, wie in Island, London, Rotterdam, Würzburg oder im Zumikon direkt an der Pegnitz. Nicht zuletzt hängt dies mit der Motivik ihrer Arbeiten zusammen, denn bei Pöllot ist nichts beliebig. Seit 11 Jahren arbeitet sie im Bereich der Medienkunst mit Licht-Bildern, Fotografien, Projektionen, Filmen, Bildschirmen,  sowie raumgreifenden Installationen und erforscht, dabei das Medium selbst, ver-räumlicht, erweitert und erneuert es.
Ob analog oder digital, oder beides verknüpft, stets setzt sie sich intensiv mit Mechanismen der Wahrnehmung auseinander.
Speziell für die Räume des Zumikon entwickelte sie ein Präsentations- und Ausstellungskonzept, das einer eigenen Dramaturgie folgt: Im ersten Raum werden wir von einem Raum im Raum im Raum empfangen. Die besondere Atmosphäre dieses Entrées in die Ausstellung wird durch  einen großformatigen, malerisch anmutenden  Leuchtkasten erzeugt. Es ist eine neue, explizit für das Zumikon entwickelte Arbeit, die inhaltlich wie formal mit den verschiedenen Sichtachsen korrespondiert. Im künstlichen durchkomponierten, gedoppelten Raum eröffnet sich ebenso wie im realen Raum der Zumikon-Lounge, durch die Panorama-Fenster hindurch, der Blick nach außen in die Weite, hin zum Wasser. Betreten wir diesen ersten Raum, werden wir gewissermaßen zu Protagonisten in unserem eigenen Film der  Titel „Hier und Jetzt“ tragen könnte und finden uns wieder in der Gegenwart, in der wir uns im Idealfall vielleicht dann fragen: Was sehe ich denn da wirklich? Denn nur wer offen ist und Fragen stellt, kann auch zu eigenen Erkenntnissen gelangen. Und das braucht seine Zeit. Ein afrikanisches Sprichwort sagt: Als Gott die Zeit erfunden hat, hat er nichts von Eile gesagt.
Auf der zweiten Ebene, der Zwischenebene,  beobachten wir in der Arbeit an der linken Wand mit dem wunderbaren Titel „Welt in Sicht“ die Künstlerin als Endlos- Loop bei der Entstehung dieser Arbeit im Atelier – es ist eine Art Visualisierung einer Rückkoppelung.  „Rückkopplungen kommen laut Wikipedia überall in technischen, biologischen, geologischen, wirtschaftlichen und auch sozialen Systemen vor.“ Um es auf den Punkt zu bringen kann man sagen: die arbeitende Künstlerin und das technische Verfahren werden nun fortwährend selbst zum Motiv der Kunst, während wir zuschauen  wie die Arbeit, die wir gerade betrachten entsteht. Drei unterschiedliche Zeit- und Raumebenen treffen aufeinander, da wir das Atelier nicht direkt, sondern in der Spiegelung der Halbkugel einer  Glühbirne an der Atelierdecke wahrnehmen. Dies lässt auch an eine Sanduhr denken, in deren Glas durch den rieselnden Sand, die verrinnende Zeit visualisiert wird. Aus dieser eindringlichen Symbolik  rührt unter anderem auch Pöllots Vorliebe für die Verwendung von Gefäßen und von Wasser in all seinen Aggregatzuständen.  

In dem sie Projektionen von Bewegung und Motiven unserer Welt auf den komprimierten Raum eines Bildschirms verkleinert und konzentriert, verführt sie uns dazu genau hinzusehen. Die Motive die wir dann wahrnehmen bestehen oft aus Standbild + Bewegung im Bild, aus Überlagerung oder Nebeneinander verschiedener Bild- und Zeitebenen.  Daher prägen sie sich in unser Gedächtnis eindringlich ein und ganz anders als ein Fernsehfilm.
Als das Medium Film erfunden wurde, gab es zunächst auch keinen Ton und keine Geschichten. Auch bei Pöllot gibt es keine Handlung mit einem Anfang und einem Ende, alles ist in die Unendlichkeit der Filmschleife gedacht, in eine fortwährende Wiederholung und offenbart sich bei genauer Analyse als Augentäuschung.

Ein weiteres Schlüsselwerk ist die „Wassersammlerin“.  Die Reihung der Gefäße zielt auf Assoziationen zu den Stillleben von Morandi. Vier unterschiedliche Projektionen von Wasser bzw. Wasserfällen, alle an verschiedenen Orten aufgenommen und auf vier verschiedene, nebeneinander gestellte Glasflaschen projiziert, werden zu einer einheitlichen neuen Bild-Welt verschmolzen. Jede Projektion ist ein eigenes geschlossenes System, alle sind voneinander unabhängig, mit eigenem Rhythmus und Geschwindigkeit, formal ähnlich und doch nicht gleich, Teil einer größeren Ganzheit,  und darüber hinaus  durch keinen Bildschirmrand getrennt. Mittels solcher innovativer Bilderfindungen entsteht etwas Überraschendes, Unerwartetes, Magisches. Begleitet von einer zauberhaften, teils melancholischen Grundstimmung verweisen diese kleinformatigen Screens an Stillleben, an Memento Mori und Vanitas Motive, also an die Vorstellung von der Vergänglichkeit alles Irdischen, der Unmöglichkeit den Moment einzufrieren, der Einzigartigkeit eines jeden Augenblicks, der Demut gegenüber der Schöpfung, dem  ewigen Kreislauf von Erscheinen und Verschwinden, Geburt und Tod und dass uns zumindest der Trost bleibt dem eigenen Leben einen Sinn verleihen zu können.

Philosophen würden an dieser Stelle Heraklits „panta rhei“ =  „Alles fließt“ in den Raum stellen und die Tatsache, dass „Man bekannter Weise nicht zweimal in denselben Fluss steigen kann “ als  Metapher für die Prozessualität der Welt. Für uns  gilt es nachdenken über unser subjektives Zeitempfinden, oder auch über die griechischen Mythen, also die zwei unterschiedlichen Gesichter der Zeit, Chronos, den Zeitfresser und Kairos, den Gott des günstigen Augenblicks.  Und Physiker rätseln vielleicht ob hier nicht sogar Gedanken von Einsteins  Relativitätstheorie visualisiert sein könnten?

Wie auch immer. Hat man sich wirklich Zeit genommen und auf das Werk der Künstlerin eingelassen, erahnt man vielleicht das Ausmaß dessen Tiefe und  Vielschichtigkeit.  

Besonders im dritten und letzten Raum sind wir zum Bewegen und langsamen Durchschreiten aufgefordert. Es sind gewissermaßen die interaktivsten Arbeiten. Sein und Vergehen stehen sich als Blick in ein Blütenmeer und  Blick in einen Landschaftsauschnitt mit von Bäumen fallenden Blättern gegenüber. Projiziert werden die beiden Filme auf eine ganz spezielle, glitzernde, das Licht wiederum reflektierende Fläche. Es ist eine Neuentwicklung, die die Künstlerin zusammen mit einem Unternehmen dafür entwickelt hat. Die Reflexion als Nachdenken über Wahrnehmung, Kunst, Leben und Film wird auch hier mit den Mitteln des Mediums transportiert und auf den Betrachter zurückgeworfen. Der Magie von Stefanie Pöllots Kunst kann man sich nicht mehr entziehen. In Hollywood würde man nun sagen: Ganz großes Kino.  

Eva Schickler Kunsthistorikerin M.A. Nürnberg